Kostenlose Kurzgeschichte


Endrics Lichtung


Das Feuer prasselte in der Dunkelheit, und die wenigen Menschen, die sich darum versammelt hatten, genossen die Wärme und Helligkeit, die es spendete. Eng saßen sie beisammen und aßen eine karge Mahlzeit, die keinen Bauch zu füllen vermochte. Arme, zerlumpte Geschöpfe, die auf die Gnade eines Herrn warteten – die auf Arbeit hofften, um zu überleben.
Ein Junge starrte ins Feuer, wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sie endlich einmal wieder satt werden würden. Plötzlich hob er den Kopf und sah in die Runde. „Ist das hier nicht Endrics Lichtung?“ 
Ein Alter brummte zustimmend, andere reagierten gar nicht. Doch ein Fremder, der sich zu ihnen gesellt hatte, und mit dem sie trotz aller Armut ihr Essen teilten, blickte auf. „Ja, das ist sie.“ Er lächelte sanft. „Endrics Lichtung ... kennst du die Geschichte dazu?“ 
Der Junge wiegte den Kopf hin und her. „Nur ein wenig. Aber ich mag solche Geschichten.“ Auf sein Gesicht stahl sich Begeisterung und seine Augen begannen zu leuchten. „Kennt Ihr sie denn?“ 
In den Augen des Fremden glomm es kurz auf. „Ja, ich kenne sie.“ Er senkte die Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern. „Höre mir also zu!“ 
Der Junge beugte sich näher zu ihm und lauschte ...

*

In der Nacht, in der Endric geboren wurde, hauchte er sein Leben beinahe sofort wieder aus, wenn seine Mutter nicht wie eine Löwin um ihn gekämpft hätte. Sie ignorierte das Blut, das mit jedem Pochen aus ihrem Unterleib floss, schützte ihn mit Leib und Seele.
Regen prasselte auf sie hernieder, die Kälte biss ihr in Haut und Knochen. Der Donner grollte, dämpfte jedes andere Geräusch. Blitze zuckten vor ihren Augen, blendeten sie. Bäume krachten um, wurden vom Sturm entwurzelt und zu Boden gerissen. Dann war es still. 
Der Morgen graute langsam. Feuchtigkeit glitzerte auf den Pflanzen und der Wald erwachte aus seiner Starre. Die Vögel begrüßten mit zaghaftem Zwitschern den neuen Tag. Das Laub raschelte, als die Tiere des Waldes aus ihren schützenden Bauten krochen. Die Bäume, die dem grausamen Unwetter zum Opfer gefallen waren, würden sterben, aber vielen Geschöpfen ein Zuhause geben. Die Blumen reckten bereits wieder ihre Köpfe und wenn das Wasser sich erst zurückzog, konnte man bald neue Knospen anstelle der abgerissen Blätter sehen.
Doch Endrics Mutter würde sich nicht erholen. Sie hatte ihr Leben geopfert, um ihrem Kind eine Chance zu geben. 
Niemals würde Endric das Gesicht seiner Mutter sehen – doch ihre Wärme dauerte in seiner Erinnerung fort ... für immer.
Leise Schritte näherten sich. Sanfte Hände strichen über den Stamm eines Baumes, der bereits am Boden und im Sterben lag. Ein flüchtiges Glitzern rann über die Rinde, doch hier kam jede Hilfe zu spät. 
Lyoran trat aus dem Dickicht. Sein langes Haar schimmerte in der Morgensonne und die goldenen Augen blickten sich suchend um. Hier war etwas, er nahm es deutlich wahr. Lyoran war mit dem Wald verbunden und spürte, dass jemand seiner Hilfe bedurfte. Er horchte auf. Schwaches Weinen kam aus westlicher Richtung. Er folgte dem Geräusch, suchte nach dem Leben, welches mit dem der Mutter zu erlöschen drohte. 
Er fand Endrics Mutter leblos am Boden vor. Stumm stand Lyoran vor der Frau, die den Kampf um ihr Kind zwar gewonnen, ihren eigenen jedoch verloren hatte. Er strich ihr dunkles, nasses Haar zur Seite – und sah den Jungen.
Der Knabe blinzelte dem Fremden entgegen und wurde ruhig. 
Vorsichtig strich Lyoran über den weichen Flaum des Kopfes. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen und er entschied, das Kind mit zu den Seinen zu nehmen, die so gänzlich anders waren, als es selbst. 
Doch es wuchs unter ihnen heran, und niemand störte sich an seiner Andersartigkeit. Sie profitierten sogar davon, denn der Junge besaß Fähigkeiten und ein Wissen, das ihnen selbst verborgen blieb. 
Als er älter wurde, schmückte Endric dunkles, gelocktes Haar. Er wuchs rasch, zeigte schon bald die kräftige Gestalt eines Menschen.
Sein Ziehvater hingegen war von schmaler, fast zerbrechlicher Statur, und sein dunkelgrünes Haar mit dem goldenen Schimmer floss bis über seinen Rücken hinab. Er war das genaue Gegenteil seines Sohnes, doch Endric störte sich nicht an dem androgynen Aussehen seiner neuen Familie. 
Er lebte mit ihnen unter den Bäumen, ernährte sich von dem Honig der Bienen, behütete die Tiere und stand im Einklang mit sich und der Natur, die überall um ihn herum war.
Schließlich beschlossen sie, Endric zu ihrem Führer zu machen, da er die Gabe zu haben schien, sie zu schützen und durch die Wälder und Zeiten zu leiten.
Doch Endric war ein Mensch, und denen war es nicht vergönnt, in alle Ewigkeit zu leben. Dies war den Geistern des Waldes vorbehalten. Lyoran trauerte schon während Endrics Jugend um den Sohn, den er einst verlieren sollte. Das Volk trauerte um den Führer, der einmal – so völlig anders als sie -– sterben musste. Und so mischte sich Bitterkeit in ihre Herzen.
Endric jedoch sah es nicht ein, eines Tages diese Familie aufzugeben. Er wollte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, und fand darin keinen Tod, sondern Leben. Also machte er sich auf, suchte nach seinem eigenen Gral.
Er fand ihn nach Tagen in Form eines mächtigen Baumes, dessen Wurzeln bis in den Kern der Erde gingen und dessen Zweige sich weit in den Himmel streckten. Diesen besonderen Baum hatte vor ihm noch kein Mensch gesehen, da ihn nur die Geister der Wälder wahrnehmen konnten. 
„Warum siehst du mich?“, hörte Endric eine Stimme in seinem Kopf fragen. Er wunderte sich, dass eine Pflanze diese Frage an ihn richtete. Auch sah Endric mit Erstaunen, dass der Baum keiner Gattung angehörte. Vielmehr befanden sich von jedem Baum, den er kannte, Blätter, Blüten, Samen und Früchte an diesem einen, und auch die Jahreszeiten vermischten sich hier zu einer einzigen.
„Warum ich dich sehe? Weil ich der Führer meiner Familie bin“, antwortete er mit fester Stimme. 
„Und was ist deine Familie?“ 
„Meine Familie sind die Wesen all dieser Wälder.“ 
„Aber du bist ein Mensch!“, widersprach der Baum. 
„Ich bin der, der ich bin. Niemand anders!“
Ein Beben ging durch den Baum und aus dem Stamm formte sich eine Gestalt heraus. Endric verspürte keine Furcht, sondern vielmehr Faszination. Nach der Verwandlung trat eine Frau aus dem magischen Baum. Sie war hochgewachsen und schlank. Ihr Haar trug die Farbe von Herbstlaub, ihre Haut glich dem Schnee des Winters, die Augen leuchteten wie die Sommersonne und die feinen Nägel ihrer Zehen und Finger waren vom satten Grün der Frühlingsblätter. 
Endric sah die Schönheit verblüfft an. 
„Ich bin die Königin der Wälder, die Hüterin der Jahreszeiten. Ich bin Danu, die Mutter der Erde und man hat mir viele Namen gegeben. Ich bin alles, aber auch nichts.“
Endric fasste sich und ergriff seine Chance. „Wenn das so ist, dann habe ich eine Bitte an Euch.“
Danu nickte, zum Zeichen, dass er sie vortragen dürfe. 
„Ich erbitte ewiges Leben, damit ich meine Familie behüten kann und sie niemals verlassen muss.“ 
Danu lächelte. „Diese Bitte sei dir gewährt. Aber verstehe warum! Du erhältst es nicht für dich, sondern für deine Nächsten. Und dies hat unsagbaren Wert. Denn du eiferst nicht für dich selbst, sondern voller Liebe.“ Sie richtete sich auf. „Lebe also ewig!“ 
Sie berührte Endric und ein Schauer fuhr durch seinen Körper. Eine gewaltige Macht rauschte in seinen Adern. Er verlor das Bewusstsein, sank in tiefe Schwärze hinab. Wie tot lag er dort, doch Danu wachte über ihn. 

*

Ein Jahr verging. Laub bedeckte ihn mehr und mehr. Pflanzen wuchsen schützend über ihm, aber Endric erwachte nicht. Das Volk der Waldgeister suchte voller Verzweiflung nach ihm, bis es ihn bei der Königin fand und um sein Leben flehte. 
„Er lebt!”, rief Danu ihnen zu. „Seht ihr das nicht? Gebt ihm Zeit zu erwachen, denn sein neues - unsterbliches - Leben muss geboren werden!“ 
Geduldig warteten sie, bis Endric zu sich kam. 
Drei weitere Jahre sollten vergehen, in denen Endrics Körper unverändert und beschützt von allen auf dem moosigen Boden ausharrte. Endlich schlug er die Augen auf, und in ihnen sah man das Gold von Danus Blick. Verstört, aber unversehrt, richtete er sich auf. Seine Familie weinte vor Erleichterung, als sie sahen, dass er wieder bei Sinnen war. 
So wurde Endric nicht nur ihr Führer, sondern ihr unsterblicher König. 
Danu jedoch hatte ihre Aufgabe beendet und verbarg sich wieder in dem magischen Baum des Lebens. Nur eine Spur Bitterkeit mischte sich fortan in ihr Inneres, denn ihrem Herz gefiel der mutige Menschensohn. In den folgenden Jahrhunderten suchte sie nach einer Möglichkeit, Endric nahe zu sein. 

*

Der Junge am Feuer war so tief in die Erzählung des Fremden versunken, dass er erst nicht bemerkte, als sie zu Ende war. „Woher kennt Ihr diese Geschichte so genau?“, fragte er fast überrascht. „Seid Ihr gar ein Barde?“ 
Der Fremde, der sein dunkles, gelocktes Haar zu einem lockeren Zopf zusammengebunden hatte, erhob sich. „Nein“, antwortete er freundlich, „ein Barde bin ich nicht. Ich erzähle nur, was ich hautnah erlebte.“ Er reichte dem Jungen die Hand. „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt! Ich bin Endric. Es freut mich, dich kennenzulernen.“ 
Dem Jungen blieb der Mund offen stehen, denn sein Gegenüber verwandelte sich vor seinen Augen in einen anderen Mann. Er trug keine Bauernkleidung mehr, sondern ein grün schimmerndes Gewand. Auf seinem Haupt lag eine Krone, von Efeu umrankt. Seine samtbraunen Augen schimmerten golden und er neigte den Kopf zum Gruß. 
„Vergiss nicht, Junge. Es kommt nicht immer auf den Wunsch an, den man im Herzen trägt, sondern auf die Einstellung, die man dazu in der Seele hat. Ein Wunsch, den man in Liebe zu einem anderen spricht, wird allzu oft erfüllt. In dir sehe ich ein gutes, warmes Herz. Bewahre es dir!“ Endric zwinkerte dem Jungen zu. „Und sieh vielleicht einmal hinter dem Baum nach. Möglich, dass sich dort ein Korb mit Nahrung findet – so, wie du es dir für deine Familie gewünscht hast.“ 
Dann war er fort, verschwunden in einem flirrenden Wirbel von Gold. 
Der Junge sprang auf und blickte verstört zu den anderen in seiner Gemeinschaft, die von all dem unberührt geblieben waren. „Ja, habt ihr das denn nicht gesehen?“, fragte er aufgeregt.
„Was, mein Junge? Was sollen wir gesehen haben?“ 
„Den Fremden! Endric! Ich meine ...“ Er schwieg abrupt, denn die anderen sahen ihn irritiert oder sorgenvoll an. 
„Steigt der Hunger ihm schon zu Kopf?“, murrte einer von ihnen. 
Der Junge schwieg betroffen, denn er erkannte, dass niemand außer ihm den Fremden gesehen hatte. 
„Ja, brat mir doch einer ’nen Storch! Was ist denn das?!“ Eine aufgeregte Stimme kam von einem der Sträucher, nahe des dichten Waldes. Der Großvater des Jungen hatte sich wohl in einem Gebüsch erleichtert, kam jetzt aber mit einem blätterumrankten Korb voller Essensgaben wieder. Die Gemeinschaft staunte und starrte den Jungen ehrfürchtig an. „Was hast du doch gleich gesehen?“ 
Aber der Junge lächelte nur und flüsterte einen Dank an die Waldgeister, die ihm so nah gewesen waren.

(© Tanja Bern)


© Crossvalley Smith



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